Othering: Das Selbst im Spiegel des anderen. Petra Eisele

Vorstellungen von einer anderen Person oder einer anderen sozialen Gruppe stellen ein wesentliches Merkmal menschlicher Beziehungen dar. In der Gegenüberstellung mit „dem Anderen“ wird die Vorstellung der eigenen Person konstituiert. Allerdings unterscheiden sich subjektive oder soziale Identitäten nicht einfach nur voneinander. Vielmehr grenzen sie sich in ihrem Anderssein oft deutlich voneinander ab, betonen ein „sich fremd sein“.

Grundlage des Otherings stellt das Verständnis des eigenen Selbst als Norm oder Normalität dar.[1]

Entsprechend bedeutet „Othering“ oft Ausgrenzung. Diejenigen Personen oder Personengruppen, die nicht dem Mainstream bzw. vermeintlichen Normen entsprechen, werden in ihrem Anderssein als andersartige Ausnahmen verstanden, marginalisiert oder sogar als fremd stereotypisiert, verdrängt und ausgeschlossen. Im Gegenzug dazu wird das eigene, der vermeintlichen Norm entsprechende mit Privilegien ausgestattet (so genannte Selbstpriviligierung): Das eine bedingt das andere.[2]

Das Suffix -ing verweist darauf, dass das Andere nicht immer da ist und nicht immer gleich ist, sondern gemacht wird – es sind die gesellschaftlich geführten Diskurse, die Vorstellungen des Otherings prägen und verändern.[3]

Othering findet sich vor allem in den wirkmächtigen Diskriminierungssystemen Sexismus und Rassismus wieder:

Otherness und Gender

Im Othering werden auch Bezüge zur -> Genderproblematik deutlich, wie sie Simone Beauvoir in ihrem feministischen Grundlagenwerk „Das zweite Geschlecht“ bereits 1949 aufgezeigt hat: „Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es“ – damit unterscheidet sie mehr als 20 Jahre vor Judith Butlers „Gender Trouble“ (1990) nicht nur Sex und Gender. Vielmehr legte sie auch die Strategien des „Otherings“ als gesellschaftliche Exklusion des als „anders“ wahrgenommenen zweiten Teils der Menschheit dar.

Otherness und Rassismus

Othering als Diskriminierung anderer sozialer Gruppen durch die Aufwertung der eigenen Gruppe stellt eine Grundlage von Rassismus dar: Anhand von äußerlichen Merkmalen wie Hautfarbe oder Aussehen bei BPoC als nicht zugehörig und minderwertig definiert – aber auch Kleidung und Kultur werden oft als fremd und andersartig verstanden.[4]

Othering und Design

Design kann ein Mittel dafür sein, Privilegien zu behaupten und zu festigen. Über Jahrzehnte wurden durch Ausstellungen, Preise und Ehrungen die Ideologie der „Guten Form“ entwickelt, die strukturell und institutionell durch Museen und Ausbildungsinstitutionen abgesichert wurde. Das Wissen um „Gutes Design“ im Sinne von „gutem Geschmack“ stellte auf der einen Seite ein Mittel der Selbstpriviligierung dar, auf der anderen Seite ein Mittel der Ausgrenzung und Diskriminierung derjenigen, die nicht über dieses „Connoisseurship“ verfügen. Damit unterstützt Othering soziale Distinktion durch Design (-> Klassismus).

Bei Othering geht es jedoch auch um die Konstitution des eigenen Selbst im Spiegel des anderen. Dabei spielen Äußerlichkeiten eine wichtige Rolle: Bezogen auf den Körper stellen Tattoos, Frisuren oder Kleidung Zeichen des Otherings dar; bezogen auf alltägliche Lebenszusammenhänge die Einrichtung privater oder öffentlicher Räume, aber auch mediale Selbstinszenierung.

Immer dann, wenn bestimmte Zeichen oder ein bestimmter Habitus zu einer neuen (sozialen) Norm werden, entsteht Othering und damit Ausgrenzung des vermeintlich Andersartigen. An diesem Punkt sollte ein zukunftsorientiertes Designverständnis ansetzen, das dazu verhilft, Othering bewusst zu machen und Normen aufzubrechen.

  1. Vgl. Arndt, Susan: Rassismus begreifen. Vom Trümmerhaufen der Geschichte zu neuen Wegen. München: C.H.Beck, [2021], S. 15.
  2. Ebenda, S. 16.
  3. Ebenda.
  4. Fernandes Sequeira, Dileta: Gefangen in der Gesellschaft – Alltagsrassismus in Deutschland. Rassismuskritisches Denken und Handeln in der Psychologie. Marburg: Tectum, 2015, 255.