Klassismus im Design

bezieht sich zum einen auf ästhetische Geschmacksbildung, die diejenigen gesellschaftlichen Schichten bzw. sozialen Gruppen besitzen, die Vorbildung, Zeit und die finanziellen Mittel haben, um sich Wissen um einen bestimmten ästhetischen Geschmack anzueignen.

Die Ausbildung von Designer:innen zielte traditionell nicht nur darauf ab, fachspezifische Kenntnisse des Entwurfs und der Fertigung zu vermitteln, sie lehrte auch ästhetische Bildung. Derart aufgeklärt, war es Teil des traditionellen Berufsbildes eine/r Designer:in, als Botschafter:in des („guten“) Geschmacks in Gesellschaft hineinzuwirken und ästhetisch zu bilden. Was im Zuge kunstgewerblicher Ausbildung im 19. Jahrhundert begann, setzte sich im 20. und 21. Jahrhundert fort: Auch wenn sich die Vorstellungen darüber änderten, was als ästhetisch vorbildlich zu verstehen sei, blieb doch die Intention dieselbe: vermeintlich ästhetisch Unwissenden zu belehren. 

Zum anderen bezieht sich Klassismus im Design auf den Kanon des Designs, der im Kern durch eine eurozentristische „westliche“ Lesart dominiert wird, die bestimmte Schriften, Layouts, Marken, Möbel bzw. Objekte als Ausdruck einer bestimmten Haltung als weltweiten Standard mit Vorbildcharakter begreift und andere Positionen – falls überhaupt – als Ausnahme zulässt (-> Othering). Insbesondere so genannte „Klassiker“ behaupten Universalanspruch und etablieren ästhetische Normen vor allem im Möbel- und Produktdesign, aber auch im Grafik-Design und der Typografie. Klassismus im Design bedeutet auch, dass Designer:innen oft für die eigenen klassenspezifischen Vorstellungen gestalten, – ohne dieses Verhalten selbstkritisch zu reflektieren. Als Schule, die aus diesen Vorgaben ausbrechen wollte, kann das Bauhaus gelten, das die praktischen, finanziellen und ästhetischen Funktionen zu einem neuen sozialen Design verbinden wollte; insbesondere Hannes Meyer zielte auf ein preiswertes Design für alle. In den Siebzigerjahren des 20. Jahrhunderts verstärkten umweltorientierte Planungen, DIY-Ideen sowie Anti bzw. Radical Design Demokratisierungsprozesse, die auch die Fokussierung auf eine „westliche“ Käuferschaft in Frage stellten.