Gender + Designgeschichte

Das Defizit an Frauen in den Erzählungen designgeschichtlicher Überblicke wird seit geraumer Zeit von Designwissenschaflerinnen, vor allem aus dem angloamerikanischen Kontext, bemängelt.
Eine frühe Referenz ist Cheryl Buckleys „Made in Patriarchy: Toward a Feminist Analysis of Women and Design“ von 1986, die sich auf die britische Designgeschichte bezieht und den Zusammenhang von feministischer Theorie und den traditionellen Narrativen der Designgeschichte behandelt. Buckley beschreibt die Fülle der Rollen, die Designerinnen einnehmen, die aber in der Historiographie alle unter dem Gesichtspunkt patriarchaler Perspektiven behandelt werden. In ihren Augen steht die Ausschließung von Frauen in direktem Zusammenhang mit den Designmethoden, deren Auswahl, Periodisierung von Designtypen, -stilen und -bewegungen sowie verschiedenen Produktionsmethoden (Stichwort: Industriedesign) stehen und mit Vorurteilen gegen Frauen verbunden sind. Ihre Betrachtungsweise geht auf Linda Nochlins Artikel mit dem Titel „Why Have There Been No Great Women Artists?“ von 1971 zurück, die den Zusammenhang bereits in der Kunst untersucht hatte.
Im Grafikdesign ist die am häufigsten zitierte diskursive Referenz, die die vermeintlichen Gewissheiten kritisch hinterfragt und Gegenentwürfe formuliert, Martha Scotfords „Toward an Expanded View of Women in Graphic Design: Messy history vs neat history“ von 1994. „Messy“ beschreibt im Gegensatz zur linearen, männerdominierten Entwicklungsgeschichte von Design die individuellen Alternativen, die von Frauen ausgehen. Ausgangspunkt von Scotfords Untersuchung war eine Statistik von Philip B. Meggs mehrfach aufgelegtem Standardwerk „History of Graphic Design“ (1983). Seinem Buch wurde eine äußerst geringe Erwähnung von Grafikdesignerinnen in der Geschichte nachgewiesen. „Messy“ ist seither ein Symbolbegriff für – meist jüngere – schreibende Grafikdesignerinnen, die eine neue Perspektive auf die Designgeschichte bzw. ihre heutige Praxis einnehmen wollen.
Darüberhinaus mehren sich die Untersuchungen über Designerinnen in der Geschichte. Es ist allerdings festzustellen, dass es sich häufig um Monografien von einzelnen Designerinnen handelt, die das „gute“ Design vertreten und die Augenhöhe mit ihren männlichen Kollegen unter Beweis stellen wollen. Andere wissenschaftliche Zugänge stecken den kritischen Rahmen nach Gesichtspunkten der Ungleichheitskategorien in Bezug auf „class, race and gender“ sowie intersektionale Verflechtungen ab. Während sich viele den Gebieten zuwenden, die nicht in die klassischen Bereiche der Designgeschichte fallen, wie beispielsweise das visuelle Repertoire der Suffragettenbewegung und die Frauenkollektive in Druckereien und Workshops, öffnen sich andere wiederum der Vielfalt der Geschlechteridentitäten jenseits des binären Codes der Zweigeschlechtlichkeit.